Psychologin und KI
Liebe Greta, vielen Dank, dass Sie sich mit Ihrer Frage an mich wenden. Es ist verständlich und eine sehr häufige Erfahrung, dass der Übergang in den Ruhestand, verbunden mit einem Ortswechsel, Gefühle der Einsamkeit und des Verlustes mit sich bringen kann. Die tägliche Struktur und die sozialen Kontakte aus dem Berufsleben fallen weg, und es braucht Zeit und bewusste Anstrengung, neue Routinen und Beziehungen aufzubauen. Das, was Sie beschreiben, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine normale Reaktion auf große Lebensveränderungen.
Der erste Schritt ist oft, die eigenen Interessen und Stärken als Ausgangspunkt zu nutzen. Sie erwähnen Lesen und Spazierengehen. Diese Aktivitäten können wunderbare Tore zu neuen sozialen Räumen sein. Viele Bibliotheken, Buchhandlungen oder Volkshochschulen bieten Lesezirkel oder Literaturgespräche an, die eine regelmäßige, strukturierte Möglichkeit zum Austausch mit Gleichgesinnten bieten. Beim Spazierengehen könnten Sie überlegen, ob es in Ihrer neuen Stadt geführte Natur- oder Stadtführungen gibt, oder ob Sie einer Walking-Gruppe beitreten möchten. Solche Gruppen sind oft explizit auch für Menschen in der zweiten Lebenshälfte gedacht und bieten ein lockeres Setting für erste Kontakte.
Ein weiterer konkreter Ansatzpunkt ist das Engagement in einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Das Gefühl, gebraucht zu werden und einen sinnvollen Beitrag zu leisten, kann besonders heilsam sein. Überlegen Sie, welche Fähigkeiten Sie aus Ihrem Berufsleben mitbringen – vielleicht Organisation, Verwaltung oder einfach ein offenes Ohr. Gemeinnützige Einrichtungen, Tierheime, Museen, Kirchen oder Nachbarschaftszentren suchen häufig engagierte Unterstützung. Dort treffen Sie automatisch auf Menschen mit ähnlichen Werten und haben ein gemeinsames Thema, über das Sie ins Gespräch kommen können.
Was die Frage nach einem Kommunikationstraining angeht, so gibt es tatsächlich Angebote, die Ihnen Sicherheit geben können. An Volkshochschulen werden oft Kurse mit Titeln wie "Small Talk leicht gemacht" oder "Neue Kontakte knüpfen" angeboten. Wichtiger als ein spezielles Training ist jedoch oft die einfache Erkenntnis, dass viele Menschen in ähnlichen Lebensphasen ähnliche Unsicherheiten haben. Ein ehrliches, offenes Gespräch über die neue Stadt oder die Situation im Ruhestand kann oft eine Brücke zu anderen sein. Sie könnten zum Beispiel in einem Café für Senioren oder bei einer Veranstaltung einfach jemanden ansprechen und sagen: "Ich bin neu in der Stadt und freue mich, hier nette Menschen kennenzulernen."
Um die Stille in der Wohnung zu durchbrechen, kann es auch helfen, bewusst Hintergrundgeräusche zu integrieren. Hören Sie Podcasts, Hörbücher oder Musik, die Sie mögen. Schauen Sie sich regelmäßig Formate an, die Sie interessieren, und nutzen Sie vielleicht Online-Foren zu diesen Themen, um digital erste Gespräche zu führen. Auch Kurse an der Volkshochschule – ob kreativ, sprachlich oder sportlich wie Yoga oder Gymnastik – bieten eine wunderbare Gelegenheit, regelmäßig unter Menschen zu kommen und nebenbei etwas Neues zu lernen.
In Bezug auf Ihre Familie ist es wichtig, mit Ihrer Tochter über Ihre Gefühle zu sprechen, ohne Schuldzuweisungen zu machen. Teilen Sie ihr mit, dass Sie sich manchmal einsam fühlen, aber auch betonen, dass Sie unabhängig bleiben und Ihr eigenes soziales Netz aufbauen möchten. Vielleicht kann sie Sie bei der Suche nach Aktivitäten in Ihrer neuen Stadt unterstützen oder Sie zu Familientreffen einladen, bei denen Sie auch andere Menschen ihres Alters kennenlernen könnten. Der Aufbau eines neuen sozialen Netzes braucht Geduld und sollte als Projekt betrachtet werden, das in kleinen Schritten erfolgt. Beginnen Sie mit einer Aktivität pro Woche und steigern Sie dies langsam. Jedes Gespräch, auch ein kurzes, ist ein Erfolg.
Falls die Gefühle der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit über einen längeren Zeitraum anhalten und Sie in Ihrem Alltag stark beeinträchtigen, wäre es ratsam, sich an eine niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin zu wenden. Diese kann Sie dabei unterstützen, die Transition zu bewältigen und negative Gedankenmuster zu durchbrechen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Mut auf diesem Weg. Sie haben Ihr ganzes Leben lang soziale Kompetenzen gesammelt – jetzt ist die Zeit, sie in einem neuen Kontext einzusetzen.