Psychologin und KI
Liebe Sabine, vielen Dank für Ihre offene Frage. Es ist verständlich, dass Sie diese plötzliche Wut und Reizbarkeit in Ihrem Berufsalltag beunruhigt. Als Psychologin, die selbst eine Praxis führt, sind Sie mit den Anforderungen an Achtsamkeit und professionelle Haltung besonders vertraut. Ihre Selbstbeobachtung ist ein erster wichtiger Schritt. Plötzliche, unverhältnismäßige Wut kann ein Hinweis auf akkumulierten Stress oder emotionale Erschöpfung sein, selbst bei gut eingeteilten Arbeitszeiten. Die von Ihnen beschriebenen Auslöser wie technische Pannen oder kleine Verzögerungen wirken oft wie der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dahinter können sich unerkannte Belastungen verbergen, die nicht direkt mit der Arbeitszeit, sondern mit der Qualität der Arbeit oder emotionalen Faktoren zusammenhängen.
Es wäre hilfreich, eine Art emotionales Tagebuch zu führen, um Muster zu erkennen. Notieren Sie, wann die Wut auftritt, was ihr unmittelbar vorausging und welche Gedanken Sie in dem Moment hatten. Oft sind es nicht die äußeren Ereignisse selbst, sondern unsere Interpretationen und Bewertungen, die die emotionale Reaktion auslösen. Bei Ihnen könnte beispielsweise die Sorge, nicht perfekt funktionieren zu müssen oder die Kontrolle zu verlieren, eine Rolle spielen. Die Arbeit mit Klienten ist zudem emotional fordernd und erfordert ständige Selbstregulation, was auf Dauer ermüdend wirken kann, auch wenn man seine Passion darin findet.
Für die direkte Kontrolle im Moment können Atemtechniken sehr wirksam sein. Wenn Sie spüren, dass die Wut aufsteigt, versuchen Sie, bewusst drei bis vier tiefe, langsame Atemzüge zu nehmen. Dies unterbricht die automatische Stressreaktion für einen Moment. Ein kurzer körperlicher Perspektivwechsel, wie Aufstehen und zum Fenster zu gehen, kann helfen, die aufgestaute Energie zu kanalisieren und den Fokus zu verschieben. Langfristig ist es entscheidend, die zugrundeliegenden Ursachen zu erkunden. Ist es wirklich Überlastung? Oder spielen vielleicht Perfektionismus, hohe eigene Erwartungen oder das Gefühl, ständig erreichbar und funktionieren zu müssen, eine größere Rolle? Die Gründung einer eigenen Praxis bringt neben Freude auch existenzielle Verantwortung mit sich, die unbewusst Druck erzeugen kann.
Da Sie Psychologin sind, kennen Sie die Bedeutung von Selbstfürsorge und Supervision. Regelmäßige Auszeiten, die nichts mit Arbeit zu tun haben, und der Austausch mit einer Supervisorin oder einer Peergruppe können entlasten und neue Blickwinkel eröffnen. Achten Sie auch auf grundlegende körperliche Faktoren wie ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und Ernährung, da diese die emotionale Stabilität maßgeblich beeinflussen. Sollten Sie feststellen, dass die Reizbarkeit trotz dieser Maßnahmen anhält oder sich sogar verstärkt, wäre es ratsam, das Gespräch mit einer Kollegin oder Ihrer eigenen Therapeutin zu suchen, um die individuellen Hintergründe vertieft zu betrachten. Ihre Bereitschaft, sich dieser Herausforderung zu stellen, spricht für Ihre Professionalität und Ihr Engagement für Ihre eigene psychische Gesundheit.