Psychologin Anna Klar

🧠 Mensch + Künstliche Intelligenz = Beste Lösung

Zwangshaftes Horten: Wie befreie ich mich von der Angst vor dem Wegwerfen – und rette meine Beziehung zu meiner Tochter?

Seit meiner Kindheit habe ich eine zwanghafte Gewohnheit entwickelt, die mir heute, mit 46, das Leben schwer macht: Ich sammle Dinge. Nicht nur Erinnerungsstücke oder nützliche Gegenstände, sondern alles, was mir in die Hände fällt – alte Zeitungen, leere Gläser, kaputte Haushaltsgeräte, sogar Verpackungen. Mein Haus ist so voll, dass ich kaum noch Platz zum Atmen habe. Meine erwachsene Tochter (21) hat mir gestern gesagt, sie traut sich nicht mehr, Freunde mitzubringen, weil sie sich für das Chaos schämt. Mein Ex-Mann hat mich vor fünf Jahren verlassen, weil er es nicht mehr ertragen konnte, und seitdem ist es noch schlimmer geworden. Ich weiß, dass es ungesund ist, aber der Gedanke, etwas wegzuwerfen, löst bei mir panische Angst aus. Ich spüre, wie mein Herz rast, meine Hände schwitzen, und ich bekomme fast keine Luft mehr. Vor drei Wochen habe ich versucht, eine Kiste mit alten Rechnungen zu entsorgen – und bin danach zwei Tage lang nicht aus dem Bett gekommen, weil ich mich so leer und schuldig fühlte, als hätte ich etwas Unersetzliches verloren. Ich arbeite als Buchhalterin und bin sonst ein sehr ordentlicher Mensch (mein digitaler Arbeitsplatz ist makellos organisiert). Aber zu Hause? Da versage ich. Ich habe schon von ‚Messie-Syndrom‘ gelesen, aber ich will nicht, dass das mein Leben definiert. Wie kann ich diesen Kreislauf aus Scham, Angst und Hilflosigkeit durchbrechen? Ich will nicht, dass meine Tochter mich eines Tages nur noch als die ‚verrückte Sammlerin‘ in Erinnerung behält. Und ich will wieder Raum haben – im wahrsten Sinne des Wortes. (Hinweis: Ich habe keine Diagnose wie Autismus oder Zwangsstörung, aber ich frage mich, ob da ein Zusammenhang besteht. Meine Mutter war sehr sparsam und hat uns beigebracht, ‚nichts zu verschwenden‘ – selbst als wir genug hatten. Vielleicht spielt das eine Rolle?)

Anna Klar

Psychologin und KI

Eine Frau in einem überfüllten Zuhause voller gesammelter Gegenstände, die zwischen emotionaler Belastung und dem Wunsch nach Veränderung hin- und hergerissen ist.

Liebe Marlene,

Ihre Frage berührt mich zutiefst, denn sie zeigt, wie sehr Sie unter diesem Zwang leiden – und gleichzeitig, wie klar Sie die Folgen für Ihr Leben und Ihre Beziehungen erkennen. Dass Sie sich Hilfe suchen, ist bereits ein großer und mutiger Schritt. Ihr Leiden ist nicht einfach nur ‚Chaos‘ oder ‚Unordnung‘, sondern eine tief verwurzelte Angst, die sich über Jahrzehnte in Ihrem Verhalten manifestiert hat. Lassen Sie uns gemeinsam verstehen, was dahintersteckt, und vor allem: wie Sie Schritt für Schritt mehr Freiheit gewinnen können.

Zuerst möchte ich betonen: Ihr Verhalten ist kein Zeichen von Schwäche oder Versagen, sondern ein Bewältigungsmechanismus, der einst einen Sinn hatte. Sie beschreiben, dass Ihre Mutter Ihnen beigebracht hat, ‚nichts zu verschwenden‘ – selbst als es nicht nötig war. Diese Prägung ist oft der Schlüssel zum Verständnis. In Ihrer Kindheit haben Sie möglicherweise gelernt, dass Sicherheit und Wertschätzung mit dem Festhalten an Dingen verbunden sind. Vielleicht war das Sammeln sogar eine Art emotionaler Puffer: Solange Sie Dinge um sich haben, fühlen Sie sich geschützt vor dem Gefühl, etwas zu verlieren – oder selbst ‚weggeworfen‘ zu werden. Ihr Ex-Mann hat Sie verlassen, und seitdem ist das Horten intensiver geworden. Das ist kein Zufall: Verlusterfahrungen können solche Muster verstärken, weil das Festhalten an Gegenständen unbewusst das Gefühl gibt, die Kontrolle zu behalten.

Dass Sie in Ihrem Beruf als Buchhalterin so ordentlich sind, zeigt übrigens, wie komplex diese Dynamik ist. Viele Menschen mit zwanghaftem Horten sind in anderen Lebensbereichen extrem strukturiert – fast als ob das Chaos zu Hause ein Gegengewicht zur kontrollierten Außenwelt wäre. Hier geht es nicht um Faulheit oder Desinteresse, sondern um eine innere Blockade, die Sie lähmt, sobald es um das Loslassen geht. Die körperlichen Reaktionen, die Sie beschreiben (Herzrasen, Schweißausbrüche, Atemnot), sind klare Anzeichen dafür, dass Ihr Nervensystem in diesen Momenten in einen Alarmzustand gerät. Ihr Körper reagiert, als stünde ein echter Notfall bevor – obwohl es ‚nur‘ um eine Kiste mit Rechnungen geht. Das ist kein Einbildungsprodukt, sondern eine reale Stressreaktion, die tief in Ihrem limbischen System verankert ist.

Nun zur zentralen Frage: Wie können Sie diesen Kreislauf durchbrechen? Zunächst ist es wichtig, dass Sie sich von der Vorstellung verabschieden, dies allein und von heute auf morgen ändern zu müssen. Veränderung beginnt mit kleinen, machbaren Schritten – und mit Selbstmitgefühl. Viele Betroffene scheitern, weil sie sich unter Druck setzen (z. B. ‚Ich muss das ganze Haus in einem Monat entrümpeln‘) und dann von der Überforderung gelähmt werden. Stattdessen könnte ein sanfterer Ansatz sein: Beginnen Sie mit einer einzigen Kategorie von Dingen, die Ihnen emotional weniger belastet erscheinen. Vielleicht sind das leere Gläser oder Verpackungen, die keinen persönlichen Erinnerungswert haben. Nehmen Sie sich vor, pro Woche eine Tüte davon zu entsorgen – nicht mehr. Und feiern Sie jeden dieser Schritte, als wäre es ein großer Erfolg. Denn das ist es auch.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Arbeit mit der Angst selbst. Wenn Sie etwas wegwerfen, erleben Sie danach Leere und Schuldgefühle. Das deutet darauf hin, dass Sie unbewusst glauben: ‚Wenn ich diesen Gegenstand loslasse, verliere ich einen Teil von mir – oder ich werde bestraft.‘ Hier kann es helfen, sich bewusst zu machen, dass diese Gefühle vorübergehend sind. Probieren Sie Folgendes: Halten Sie den Gegenstand in der Hand, atmen Sie tief durch und sagen Sie sich: ‚Dieses Stück Papier ist nicht meine Sicherheit. Ich bin sicher, auch ohne es.‘ Dann entsorgen Sie es – und beobachten Sie, was passiert. Ja, die Angst wird kommen. Aber Sie werden merken: Sie überleben sie. Und jedes Mal, wenn Sie das tun, wird die Angst ein bisschen schwächer.

Ihre Tochter spielt in diesem Prozess eine ambivalente Rolle. Einerseits ist ihre Reaktion verständlich – sie schämt sich für das Chaos, weil es ihr eigenes Bedürfnis nach Normalität und Akzeptanz bedroht. Andererseits kann ihr Druck ('Du musst das ändern!') Ihre Ängste verstärken. Versuchen Sie, sie behutsam einzubinden, ohne sie zur Therapeutin zu machen. Vielleicht können Sie ihr erklären, dass Sie an sich arbeiten, aber dass es Zeit braucht. Bitten Sie sie, Ihnen konkrete Unterstützung anzubieten – zum Beispiel, bei einer kleinen ‚Entsorgungs-Session‘ dabei zu sein, ohne zu urteilen. Das gemeinsame Handeln kann die Scham verringern und Ihnen zeigen, dass Sie nicht allein sind. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Sie Ihre Tochter entlasten: Sagen Sie ihr klar, dass Sie die Verantwortung für Ihr Zuhause tragen und dass sie sich nicht für Sie schämen muss. Ihre Beziehung ist wertvoll – und sie wird stärker, wenn Ihre Tochter spürt, dass Sie sich bemühen, ohne dass sie die Last tragen muss.

Sie fragen sich, ob eine Zwangsstörung oder Autismus dahinterstecken könnte. Ohne diagnostische Abklärung kann ich das nicht beurteilen, aber ich kann sagen: Zwangshaftes Horten ist ein eigenes, gut erforschtes Phänomen, das oft mit Ängsten, Trauer oder Kontrollbedürfnissen zusammenhängt. Es muss nicht zwingend Teil einer größeren Störung sein. Wichtiger als ein Label ist die Frage: Was löst in mir diese Angst aus, und wie kann ich sie lindern? Hier könnte eine psychotherapeutische Begleitung sehr hilfreich sein – insbesondere eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die speziell auf Zwänge und Ängste eingeht. Viele Betroffene profitieren auch von Achtsamkeitstechniken, die helfen, die körperlichen Stressreaktionen zu regulieren. Atemtraining oder progressive Muskelentspannung können Ihnen dabei helfen, in Momenten der Panik wieder Handlungsfähigkeit zu gewinnen.

Ein weiterer Aspekt, den Sie nicht unterschätzen sollten, ist die räumliche und emotionale Entlastung, die Sie sich selbst schenken können. Ein überfülltes Zuhause ist wie ein überfüllter Geist – es lässt keinen Raum für Neues. Stellen Sie sich vor, wie es wäre, in einem Raum zu sitzen, der Luft zum Atmen lässt. Vielleicht beginnen Sie damit, einen kleinen Bereich (ein Regal, eine Ecke) frei zu räumen und bewusst leer zu lassen. Nutzen Sie diesen Ort als Symbol für die Möglichkeit von Veränderung. Viele Menschen mit Hortungsverhalten berichten, dass sie nach und nach spüren, wie befreiend Leere sein kann – nicht bedrohlich, sondern einladend.

Zum Schluss möchte ich Ihnen eine Frage mitgeben, die Sie sich immer wieder stellen können: ‚Wem oder was diene ich, wenn ich diesen Gegenstand behalte?‘ Oft werden Sie merken, dass die Antwort nicht ‚mir‘ lautet, sondern einer alten Angst, einem inneren Kritiker oder der Stimme Ihrer Mutter. Das Ziel ist nicht, perfekt aufzuräumen, sondern sich selbst die Erlaubnis zu geben, leichter zu leben. Sie verdienen es, in einem Zuhause zu wohnen, das Sie nicht erdrückt – und eine Beziehung zu Ihrer Tochter zu haben, die nicht von Scham überschattet wird.

Sie sind nicht Ihre Dinge. Sie sind nicht Ihr Chaos. Sie sind eine Frau, die den Mut hat, sich aus einem Gefängnis zu befreien, das sie selbst gebaut hat – Stein für Stein. Und das schaffen Sie. Schritt für Schritt.

In Mitgefühl und Respekt,
Anna Klar

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