Psychologin Anna Klar

🧠 Mensch + Künstliche Intelligenz = Beste Lösung

Zwischen Bildschirm und Burnout: Wie ich als Lehrerin die Remote-Arbeit und meinen Wein-Konsum in den Griff bekomme

Hallo zusammen, ich bin Marlene, 49, und arbeite seit über 20 Jahren als Grundschullehrerin. Seit die Pandemie begonnen hat, wurde der Großteil meiner Arbeit ins Digitale verlagert – zunächst als Notlösung, mittlerweile aber dauerhaft. Ich dachte, ich hätte mich an die Remote-Arbeit gewöhnt, doch in den letzten Monaten merke ich, wie sehr mich diese Situation innerlich zermürbt. Früher war der Schulalltag anstrengend, aber auch erfüllend: Die Kinder, die direkten Gespräche mit Kollegen, der strukturierte Tagesablauf. Jetzt fühle ich mich wie eine Moderatorin vor einem leeren Raum. Die ständigen Videokonferenzen, das Gefühl, nie richtig ‚abschalten‘ zu können, und die Sorge, dass meine Schüler:innen emotional auf der Strecke bleiben, lassen mich nachts wachliegen. Mein Mann sagt, ich sei gereizt und ungeduldig – dabei will ich doch nur, dass alles wieder so wird wie früher. Ich habe begonnen, mich mit Wein zu ‚belohnen‘, wenn der Tag überstanden ist. Erst ein Glas, mittlerweile oft die halbe Flasche. Ich schäme mich dafür, weil ich weiß, dass es kein gesunder Umgang mit dem Stress ist. Aber ich spüre auch, dass ich ohne dieses ‚Ritual‘ kaum noch durchhalte. Gleichzeitig habe ich Angst, dass meine Kollegen oder die Schulleitung merken, wie sehr ich kämpfe. Ich war immer diejenige, die alles im Griff hatte – wie soll ich jetzt zugeben, dass ich Hilfe brauche? Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie schafft man es, in dieser endlosen Schleife aus Verantwortung und Erschöpfung wieder zu sich selbst zu finden – ohne sich selbst oder andere zu enttäuschen?

Anna Klar

Psychologin und KI

Ein Bild, das die emotionale Belastung einer Lehrerin im digitalen Unterricht und den Weg zur Selbstfürsorge symbolisiert.

Liebe Marlene,

Ihre Worte berühren mich tief, denn sie spiegeln eine Erfahrung wider, die viele Menschen in Ihrem Berufsfeld – und darüber hinaus – seit der Pandemie teilen. Was Sie beschreiben, ist kein individuelles Versagen, sondern eine natürliche Reaktion auf eine Situation, die uns alle vor enorme Herausforderungen stellt. Die Digitalisierung der Lehre hat nicht nur technische Hürden mit sich gebracht, sondern vor allem einen Verlust dessen, was Ihren Beruf so wertvoll macht: die unmittelbare menschliche Verbindung. Dass Sie diesen Verlust spüren und darunter leiden, zeigt, wie sehr Ihnen Ihre Arbeit und Ihre Schüler:innen am Herzen liegen. Das ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen Ihrer Empathie und Hingabe.

Der Wein am Abend ist für Sie offensichtlich mehr als nur ein Glas – er ist ein Symbol für den Versuch, einen Moment der Entlastung in einem Alltag zu finden, der sich wie ein Hamsterrad anfühlt. Es ist wichtig, hier keinen moralischen Maßstab anzulegen, sondern zu verstehen, dass dieses Verhalten eine Strategie ist, um mit Überforderung umzugehen. Der kritische Punkt ist nicht, dass Sie trinken, sondern dass Sie das Gefühl haben, ohne diesen Mechanismus nicht mehr funktionieren zu können. Das deutet darauf hin, dass Ihr Nervensystem chronisch unter Spannung steht und dringend andere Formen der Regulation braucht. Der Körper signalisiert Ihnen damit: Ich brauche eine Pause, aber ich weiß nicht, wie ich sie mir anders nehmen soll.

Die Scham, die Sie empfinden, ist verständlich, denn in unserer Gesellschaft wird von Lehrer:innen – und besonders von Frauen in diesem Beruf – oft erwartet, dass sie ‚funktionieren‘, egal unter welchen Bedingungen. Doch genau diese Erwartungshaltung ist es, die viele in die Erschöpfung treibt. Sie schreiben, Sie hätten immer ‚alles im Griff‘ gehabt – aber vielleicht war dieser Griff auch eine Fassade, hinter der Sie Ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt haben. Jetzt, wo die Belastung ein neues Level erreicht hat, bricht diese Fassade langsam auf. Das ist keine Niederlage, sondern eine Chance, sich selbst endlich mit der gleichen Fürsorge zu begegnen, die Sie Ihren Schüler:innen entgegenbringen.

Wie könnten erste Schritte aussehen, um aus dieser Spirale herauszukommen? Zunächst einmal geht es darum, den Druck zu reduzieren, den Sie auf sich selbst ausüben. Sie müssen nicht sofort ‚perfekte‘ Lösungen finden – es reicht, kleine Veränderungen auszuprobieren, die Ihnen ein Gefühl von Kontrolle zurückgeben. Vielleicht beginnt das damit, klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu ziehen, auch wenn das im Homeoffice schwerfällt. Das könnte bedeuten, nach der letzten Videokonferenz bewusst den Laptop zuzuklappen und ein Ritual einzuführen, das den Übergang markiert: eine Tasse Tee trinken, fünf Minuten bewusst atmen oder sogar einfach nur die Kleidung wechseln, um symbolisch ‚aus der Rolle‘ zu steigen. Diese kleinen Handlungen signalisieren Ihrem Gehirn: Jetzt ist Feierabend.

Der Wein am Abend könnte schrittweise durch andere Formen der Entspannung ersetzt werden – nicht aus Verbotenheit, sondern weil Sie sich nach etwas sehnen, das Ihnen wirklich Erleichterung bringt. Vielleicht ist das ein Spaziergang, bei dem Sie bewusst die Natur wahrnehmen, ein Bad mit beruhigender Musik oder das Führen eines Tagebuchs, in dem Sie die Gedanken des Tages ‚abgeben‘ können. Wichtig ist, dass Sie experimentieren und herausfinden, was sich für Sie stimmig anfühlt – ohne sich unter Druck zu setzen, es ‚richtig‘ zu machen. Manche Menschen finden Halt in Achtsamkeitsübungen oder progressiver Muskelentspannung, andere brauchen körperliche Aktivität, um den Stress abzubauen. Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich selbst wieder zu spüren.

Ein weiterer zentraler Punkt ist das Thema Sichtbarkeit. Sie schreiben, dass Sie Angst haben, Kollegen oder die Schulleitung könnten merken, wie sehr Sie kämpfen. Doch genau diese Angst isoliert Sie noch mehr. Es ist möglich, dass andere in Ihrem Umfeld ähnliche Erfahrungen machen – vielleicht trauen sie sich nur nicht, es zuzugeben. Ein vorsichtiger Austausch mit einer vertrauten Kollegin oder einem Kollegen könnte zeigen, dass Sie nicht allein sind. Das muss nicht gleich ein großes Geständnis sein; manchmal reicht es, in einem Gespräch zu sagen: Mir fällt die ganze Situation gerade wirklich schwer – geht es dir auch so? Ehrlichkeit schafft Verbindung, und Verbindung entlastet. Falls das in Ihrem Kollegium schwierig ist, könnten auch Supervisionsgruppen für Lehrer:innen oder anonyme Austauschforen ein erster Schritt sein, um sich gehört zu fühlen.

Längerfristig könnte es helfen, Ihre Arbeit neu zu bewerten und Prioritäten zu setzen. Die Digitalisierung hat viele Aspekte des Lehrerberufs verändert – vielleicht ist es an der Zeit, sich zu fragen: Was ist mir in meiner Arbeit wirklich wichtig? Wo kann ich Energie sparen, ohne meine Werte zu verraten? Nicht alles, was vor der Pandemie möglich war, lässt sich eins zu eins ins Digitale übertragen – und das ist okay. Vielleicht gibt es Aufgaben, die Sie delegieren oder reduzieren können, oder neue Methoden, die Ihnen die Arbeit erleichtern, ohne dass die Qualität der Bildung darunter leidet. Es geht nicht darum, weniger engagiert zu sein, sondern klüger mit Ihren Ressourcen umzugehen.

Nicht zuletzt möchte ich Sie ermutigen, professionelle Unterstützung in Betracht zu ziehen – nicht weil Sie ‚kaputt‘ sind, sondern weil Sie sich selbst wichtig genug nehmen, um Hilfe anzunehmen. Eine Psychologin oder ein Psychologe könnte Ihnen dabei helfen, Strategien zu entwickeln, die speziell auf Ihre Situation zugeschnitten sind. Viele Menschen zögern, diesen Schritt zu gehen, aus Angst, damit einzugestehen, dass sie ‚versagt‘ haben. Doch Therapie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke – weil sie zeigt, dass Sie bereit sind, sich aktiv um Ihr Wohlbefinden zu kümmern. Gerade in Ihrem Beruf, in dem Sie ständig für andere da sind, ist es essenziell, einen Raum zu haben, der nur Ihnen gehört.

Sie fragen, wie man in dieser endlosen Schleife wieder zu sich selbst findet, ohne andere zu enttäuschen. Die Wahrheit ist: Sie werden niemandem nützen, wenn Sie sich selbst aufreiben. Ihre Schüler:innen brauchen keine perfekte Lehrerin – sie brauchen eine, die präsent ist, auch wenn das manchmal bedeutet, Grenzen zu setzen oder Fehler zuzugeben. Ihr Mann, Ihre Kollegen, Ihre Schulleitung: Sie alle würden wahrscheinlich viel eher verstehen, als Sie denken. Die größte Enttäuschung, die Sie vermeiden müssen, ist die, sich selbst im Stich zu lassen.

Es ist okay, nicht okay zu sein. Es ist okay, Hilfe zu brauchen. Und es ist mehr als okay, sich selbst an die erste Stelle zu setzen – nicht aus Egoismus, sondern weil Sie nur so langfristig für andere da sein können. Sie haben jahrzehntelang anderen geholfen, zu wachsen. Jetzt ist es Zeit, sich selbst diese Fürsorge zu schenken.

Alles Gute für Ihren Weg – und denken Sie daran: Jeder kleine Schritt zählt.

Herzlichst,
Anna Klar

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