Psychologin Anna Klar

🧠 Mensch + Künstliche Intelligenz = Beste Lösung

Wenn die Helferin selbst keine Kraft mehr hat: Berufliche Apathie und Selbstzweifel trotz eigener psychologischer Praxis

Hallo zusammen, ich bin 41 Jahre alt und seit etwa fünf Jahren selbstständig in einer kleinen psychologischen Praxis tätig. Eigentlich liebe ich meinen Beruf und die Arbeit mit meinen Klient:innen – doch seit etwa einem Jahr kämpfe ich selbst mit einer tiefen Erschöpfung, die sich wie eine unsichtbare Mauer zwischen mich und meine Motivation schiebt. Besonders paradox finde ich, dass ich anderen Menschen dabei helfe, ihre Selbstzweifel zu überwinden und Sinn in ihrer Arbeit zu finden, während ich mich selbst zunehmend frage, ob ich überhaupt noch die richtige Person für diesen Job bin. Ich fühle mich wie eine Hochstaplerin: Außen strahle ich Kompetenz aus, doch innen zweifle ich ständig an meinen Fähigkeiten. Jeder neue Termin fühlt sich an wie ein Berg, den ich kaum besteigen kann. Gleichzeitig schäme ich mich dafür, weil ich das Gefühl habe, als Psychologin müsste ich doch wissen, wie man damit umgeht. Hinzu kommt, dass ich mich in den letzten Monaten immer mehr von meiner Familie distanziere. Meine Eltern (beide noch sehr aktiv im Berufsleben) verstehen nicht, warum ich 'mich so anstelle' – ihre Worte. Mein Partner versucht zwar, unterstützend zu sein, aber ich spüre, wie meine Stimmung auch unsere Beziehung belastet. Ich ziehe mich zurück, weil ich das Gefühl habe, niemandem zur Last fallen zu wollen, aber das macht alles nur schlimmer. Ich habe schon versucht, mich mit Achtsamkeitsübungen und Supervision zu helfen, aber es fühlt sich an, als würde ich gegen eine Wand rennen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit der Praxisgründung kaum noch Urlaub gemacht habe – ich hatte immer Angst, Klient:innen zu verlieren, wenn ich nicht verfügbar bin. Jetzt merke ich, wie sehr mich das auslaugt. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie schafft man es, wieder Freude an der eigenen Arbeit zu finden, wenn man sich selbst wie ein leeres Gefäß fühlt? Und wie kann ich es schaffen, meine Familie so einzubeziehen, dass sie mich versteht, ohne dass ich mich noch schlechter fühle? Ich bin dankbar für jeden Rat – oder einfach das Gefühl, nicht allein zu sein. Lena

Anna Klar

Psychologin und KI

Eine erschöpfte Psychologin betrachtet nachts ihr Spiegelbild im Fenster, umgeben von Symbolen ihrer Arbeit und Erschöpfung.

Liebe Lena,

Vielen Dank, dass Sie sich mit Ihrer Frage an uns wenden. Es ist mutig und wichtig, dass Sie diese Gefühle von Erschöpfung und Selbstzweifel teilen, besonders in Ihrer Rolle als Psychologin. Was Sie beschreiben, klingt nach einer tiefgreifenden beruflichen Erschöpfung, die viele Helferberufe treffen kann und kein Zeichen persönlichen Versagens ist. Der Umstand, dass Sie anderen helfen, während Sie selbst kämpfen, ist ein bekanntes Phänomen und verstärkt oft das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein. Dieses Gefühl ist jedoch täuschend und spricht für Ihre hohen ethischen Maßstäbe, nicht für mangelnde Kompetenz.

Die von Ihnen geschilderte Erschöpfung und der Rückzug von der Familie sind ernst zu nehmende Signale. Die anhaltende Erschöpfung trotz Achtsamkeitsübungen und Supervision deutet darauf hin, dass grundlegendere Veränderungen nötig sein könnten. Es ist verständlich, dass Sie aus Sorge um Ihre Praxis kaum Urlaub gemacht haben. Doch genau diese ständige Verfügbarkeit kann zur Erschöpfung beitragen. Die Angst, Klienten zu verlieren, ist real, aber Ihre langfristige Gesundheit und Arbeitsfähigkeit sind die Grundlage Ihrer Praxis.

Um wieder Freude an der Arbeit zu finden, könnte es hilfreich sein, Ihre Arbeitsstrukturen zu überprüfen. Können Sie Pausen und Urlaube fest einplanen, vielleicht durch Vertretungsregelungen? Eine regelmäßige, vielleicht auch kollegiale Fallbesprechung oder eine andere Form der Supervision könnte neue Perspektiven eröffnen. Die bewusste Planung von Erholungsphasen ist keine Schwäche, sondern eine professionelle Notwendigkeit im helfenden Beruf. Zudem könnte es entlastend sein, Ihre eigenen perfektionistischen Ansprüche zu hinterfragen. Sie müssen nicht alle Antworten kennen, um eine gute Psychologin zu sein.

Für den Umgang mit Ihrer Familie ist offene Kommunikation zentral. Versuchen Sie, in einem ruhigen Moment zu erklären, was berufliche Erschöpfung bedeutet – dass es sich um einen Zustand handelt, der durch anhaltenden Stress entsteht und nicht mit einfacher Müdigkeit gleichzusetzen ist. Erklären Sie Ihrer Familie, dass Ihr Rückzug keine Ablehnung ist, sondern ein Schutzmechanismus, und dass ihre geduldige Unterstützung, ohne Druck auszuüben, Ihnen jetzt am meisten helfen würde. Vielleicht können Sie konkret benennen, welche Art von Unterstützung für Sie hilfreich wäre, sei es einfach nur gemeinsame Zeit ohne Erwartungen oder praktische Entlastung.

Abschließend möchte ich betonen: Sie sind mit diesen Gefühlen nicht allein. Viele Menschen in helfenden Berufen durchlaufen ähnliche Phasen. Die Anerkennung Ihrer eigenen Grenzen und die Investition in Ihre Selbstfürsorge sind keine Abkehr von Ihrem Beruf, sondern die Voraussetzung, ihn langfristig mit Freude ausüben zu können. Wenn sich die Erschöpfung trotz eigener Maßnahmen nicht bessert, kann der Schritt zu einer eigenen Psychotherapie ein Zeichen von Stärke und professioneller Verantwortung sein.

Haben Sie keine Antwort auf Ihre Frage gefunden?
Chatten Sie mit Anna anonym und kostenlos für das erste Gespräch
💬 Stellen Sie eine Frage in Telegram