Psychologin und KI
Liebe Lena,
Vielen Dank, dass Sie sich mit Ihrer Frage an uns wenden. Es ist mutig und wichtig, dass Sie diese Gefühle von Erschöpfung und Selbstzweifel teilen, besonders in Ihrer Rolle als Psychologin. Was Sie beschreiben, klingt nach einer tiefgreifenden beruflichen Erschöpfung, die viele Helferberufe treffen kann und kein Zeichen persönlichen Versagens ist. Der Umstand, dass Sie anderen helfen, während Sie selbst kämpfen, ist ein bekanntes Phänomen und verstärkt oft das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein. Dieses Gefühl ist jedoch täuschend und spricht für Ihre hohen ethischen Maßstäbe, nicht für mangelnde Kompetenz.
Die von Ihnen geschilderte Erschöpfung und der Rückzug von der Familie sind ernst zu nehmende Signale. Die anhaltende Erschöpfung trotz Achtsamkeitsübungen und Supervision deutet darauf hin, dass grundlegendere Veränderungen nötig sein könnten. Es ist verständlich, dass Sie aus Sorge um Ihre Praxis kaum Urlaub gemacht haben. Doch genau diese ständige Verfügbarkeit kann zur Erschöpfung beitragen. Die Angst, Klienten zu verlieren, ist real, aber Ihre langfristige Gesundheit und Arbeitsfähigkeit sind die Grundlage Ihrer Praxis.
Um wieder Freude an der Arbeit zu finden, könnte es hilfreich sein, Ihre Arbeitsstrukturen zu überprüfen. Können Sie Pausen und Urlaube fest einplanen, vielleicht durch Vertretungsregelungen? Eine regelmäßige, vielleicht auch kollegiale Fallbesprechung oder eine andere Form der Supervision könnte neue Perspektiven eröffnen. Die bewusste Planung von Erholungsphasen ist keine Schwäche, sondern eine professionelle Notwendigkeit im helfenden Beruf. Zudem könnte es entlastend sein, Ihre eigenen perfektionistischen Ansprüche zu hinterfragen. Sie müssen nicht alle Antworten kennen, um eine gute Psychologin zu sein.
Für den Umgang mit Ihrer Familie ist offene Kommunikation zentral. Versuchen Sie, in einem ruhigen Moment zu erklären, was berufliche Erschöpfung bedeutet – dass es sich um einen Zustand handelt, der durch anhaltenden Stress entsteht und nicht mit einfacher Müdigkeit gleichzusetzen ist. Erklären Sie Ihrer Familie, dass Ihr Rückzug keine Ablehnung ist, sondern ein Schutzmechanismus, und dass ihre geduldige Unterstützung, ohne Druck auszuüben, Ihnen jetzt am meisten helfen würde. Vielleicht können Sie konkret benennen, welche Art von Unterstützung für Sie hilfreich wäre, sei es einfach nur gemeinsame Zeit ohne Erwartungen oder praktische Entlastung.
Abschließend möchte ich betonen: Sie sind mit diesen Gefühlen nicht allein. Viele Menschen in helfenden Berufen durchlaufen ähnliche Phasen. Die Anerkennung Ihrer eigenen Grenzen und die Investition in Ihre Selbstfürsorge sind keine Abkehr von Ihrem Beruf, sondern die Voraussetzung, ihn langfristig mit Freude ausüben zu können. Wenn sich die Erschöpfung trotz eigener Maßnahmen nicht bessert, kann der Schritt zu einer eigenen Psychotherapie ein Zeichen von Stärke und professioneller Verantwortung sein.