Psychologin Anna Klar

🧠 Mensch + Künstliche Intelligenz = Beste Lösung

Systematisch ausgegrenzt: Wie überlebe ich das Mobbing im Labor, wenn ich mir keinen Jobwechsel leisten kann?

Hallo zusammen, ich bin seit fast einem Jahr als Laborassistentin in einem mittelgroßen Pharmaunternehmen tätig. Anfangs war alles super – ich fühlte mich wohl, das Team war nett, und die Aufgaben haben mir Spaß gemacht. Doch seit etwa drei Monaten hat sich die Atmosphäre komplett verändert. Mein direkter Vorgesetzter, Herr B., hat plötzlich angefangen, mich gezielt vor Kollegen bloßzustellen. Er korrigiert mich in Meetings mit sarkastischen Kommentaren wie „Lena, hast du heute mal wieder nicht zugehört?“ oder „Das hätte selbst ein Azubi besser gewusst“. Einmal hat er sogar meine Unterlagen vor dem gesamten Team in den Müll geworfen, weil ich angeblich ‚unnötige‘ Notizen gemacht hatte – dabei waren es nur Stützpunkte für eine Präsentation. Das Schlimmste ist: Zwei Kolleginnen, mit denen ich früher gut klargekommen bin, machen jetzt mit. Sie flüstern, wenn ich in den Raum komme, oder tun so, als hätten sie ‚versehentlich‘ wichtige Infos nicht an mich weitergegeben. Letzte Woche hat mir eine sogar gesagt, ich solle „nicht so empfindlich sein“ – dabei habe ich nur gefragt, warum ich plötzlich von allen E-Mails zu unserem Projekt ausgeschlossen werde. Ich habe versucht, es zu ignorieren, aber ich merke, wie ich immer unsicherer werde. Gestern habe ich aus Angst vor einem weiteren Fauxpas fast eine Stunde lang einen einfachen Bericht fünfmal überarbeitet, obwohl ich wusste, dass er in Ordnung war. Mein Magen krampft sich jeden Morgen zusammen, wenn ich an die Arbeit denke, und manchmal wache ich nachts auf, weil ich träume, wie alle im Labor über mich lachen. Ich kann mir keinen neuen Job leisten – die Miete hier ist hoch, und ich habe noch Studienkredite abzubezahlen. Aber so geht es nicht weiter. Wie kann ich mich wehren, ohne dass es noch schlimmer wird? Sollte ich zur Personalabteilung gehen? Oder würde das nur alles eskalieren? Ich habe Angst, dass sie mich als ‚Zicke‘ abstempeln oder mir kündigen. Bitte helft mir… Ich fühle mich so allein damit. Lena

Anna Klar

Psychologin und KI

Eine junge Frau sitzt verzweifelt an ihrem Schreibtisch, während Kollegen hinter ihrem Rücken flüstern und ihr Vorgesetzter sie bloßstellt.

Liebe Lena,

Ihre Situation klingt unendlich belastend, und es tut mir leid, dass Sie das durchmachen müssen. Was Sie beschreiben, ist kein ‚normales‘ Arbeitsklima, sondern systematisches Mobbing – und das hat schwerwiegende Folgen für Ihre psychische Gesundheit. Dass Sie sich bereits körperlich und emotional so stark beeinträchtigt fühlen, zeigt, wie dringend Sie Unterstützung und Strategien brauchen, um diese Phase zu überstehen. Lassen Sie uns gemeinsam schauen, wie Sie sich schützen und handlungsfähig bleiben können, ohne sich zusätzlich zu gefährden.

Zuerst einmal ist es wichtig, dass Sie sich klarmachen: Sie sind nicht das Problem. Mobbing entsteht nie durch die ‚Empfindlichkeit‘ der betroffenen Person, sondern durch dynamische Machtstrukturen, Neid, Unsicherheiten im Team oder schlichtweg toxische Persönlichkeiten wie die Ihres Vorgesetzten. Dass Kolleginnen mittun, ist leider typisch – viele Menschen passen sich aus Angst an, selbst zum Ziel zu werden, oder weil sie sich Vorteile erhoffen. Das entlastet Sie nicht von Ihren Gefühlen, aber es nimmt Ihnen die Schuld. Sie haben das nicht provoziert, und Sie verdienen es nicht, so behandelt zu werden.

Nun zur Frage, wie Sie konkret vorgehen können. Dokumentieren Sie alles – minutiös und sachlich. Führen Sie ein Tagebuch (am besten digital und außerhalb des Arbeitsplatzes), in dem Sie Datum, Uhrzeit, Ort, beteiligte Personen und den genauen Wortlaut von Vorfällen festhalten. Notieren Sie auch Zeugen, selbst wenn diese nicht eingreifen. Beispiel: ‚12.05., 14:30 Uhr, Teams-Meeting Projekt X: Herr B. warf meine vorbereiteten Notizen mit den Worten ‚Das braucht kein Mensch‘ in den Müllbehälter neben dem Besprechungstisch. Anwesend: Kolleginnen Y und Z.‘ Diese Aufzeichnungen sind essenziell, falls Sie später rechtliche oder interne Schritte einleiten müssen. Sie dienen auch Ihnen selbst als Realitätscheck – denn Mobbing führt oft dazu, dass Betroffene an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln.

Parallel dazu sollten Sie Ihre psychische Stabilität aktiv schützen. Der ständige Stress setzt Ihr Nervensystem unter Daueralarm, und das hat langfristige Folgen. Versuchen Sie, kleine Inseln der Kontrolle zurückzugewinnen: Atmen Sie vor Meetings bewusst dreimal tief durch, um den Körper zu beruhigen. Suchen Sie sich eine vertraute Person außerhalb der Arbeit (Freund:in, Familienmitglied), der Sie sich anvertrauen – Isolation verstärkt das Gefühl der Ohnmacht. Falls finanziell möglich, wäre auch eine kurze psychologische Beratung sinnvoll, um das Erlebte einzuordnen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Viele Beratungsstellen bieten günstige oder kostenlose Gespräche an.

Nun zur Frage, ob Sie zur Personalabteilung gehen sollten. Das ist ein zweischneidiges Schwert und sollte gut vorbereitet sein. In manchen Unternehmen reagiert die HR-Abteilung professionell und unterstützend – in anderen wird das Problem vertuscht, besonders wenn der Mobber (wie Ihr Vorgesetzter) eine Schlüsselposition innehat. Bevor Sie diesen Schritt wagen, prüfen Sie: Gibt es in Ihrem Unternehmen eine Betriebsvereinbarung gegen Mobbing oder eine Vertrauensperson (z. B. Betriebsrat)? Falls ja, wäre das der erste Anlaufpunkt. Formulieren Sie Ihre Anliegen sachlich und lösungsorientiert, z. B.: ‚Ich möchte meine Arbeit weiterhin gut machen, aber die aktuellen Teamdynamiken behindern mich dabei. Ich suche nach einer Lösung, die für alle tragbar ist.‘ Vermeiden Sie Vorwürfe – das gibt der anderen Seite weniger Angriffsfläche.

Falls Sie sich unsicher sind, ob die Personalabteilung vertrauenswürdig ist, können Sie auch externe Beratungsstellen kontaktieren, z. B. die Antidiskriminierungsstelle des Bundes oder Gewerkschaften (auch als Nicht-Mitglied erhalten Sie oft Erstberatung). Diese können Sie über Ihre Rechte aufklären und Ihnen helfen, das weitere Vorgehen zu planen. Wichtig: Sie müssen nicht sofort kündigen oder eine Eskalation provozieren. Manchmal reicht schon das Wissen, dass Sie juristisch auf der sicheren Seite stehen, um innerlich stärker zu werden.

Ein weiterer Ansatz ist, Ihre Sichtbarkeit im Unternehmen strategisch zu erhöhen – ohne Konfrontation. Suchen Sie gezielt den Kontakt zu Personen aus anderen Abteilungen, die nicht in die Mobbing-Dynamik involviert sind. Vielleicht gibt es ein Projekt, bei dem Sie mitarbeiten können, oder eine Fortbildung, die Sie besuchen. Das hat zwei Effekte: Erstens zeigen Sie damit, dass Sie engagiert sind (was im Fall von Gerüchten oder falschen Bewertungen hilfreich ist), und zweitens schaffen Sie sich ein Netzwerk, das Sie stützt. Mobber:innen verlieren an Macht, wenn ihr Opfer nicht mehr isoliert ist.

Zuletzt: Bereiten Sie sich mental auf einen möglichen Ausstieg vor – auch wenn er jetzt nicht akut ist. Aktualisieren Sie diskret Ihren Lebenslauf, knüpfen Sie Kontakte auf LinkedIn oder in Fachforen, und informieren Sie sich über Stellenangebote. Allein das Gefühl, eine Alternative zu haben, kann die Angst mindern. Falls Sie finanziell wirklich keine Jobpause riskieren können, überlegen Sie, ob ein Nebenjob oder Minijob in einem anderen Bereich (z. B. Wochenendschichten im Einzelhandel) Ihnen ein kleines Polster geben könnte. Manchmal reicht schon die Gewissheit, nicht komplett gefangen zu sein, um durchzuhalten.

Lena, es ist verständlich, dass Sie sich ohnmächtig fühlen – aber Sie haben mehr Handlungsmöglichkeiten, als es jetzt scheint. Mobbing überleben heißt oft, kleine Schritte zu gehen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Sie sind nicht allein, auch wenn es sich so anfühlt. Und Sie haben das Recht, würdevoll behandelt zu werden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Situation Sie überfordert, holen Sie sich bitte professionelle Hilfe. Sie verdienen es, dass jemand an Ihrer Seite steht.

Alles Gute für Sie – und denken Sie daran: Diese Phase wird vorbeigehen, auch wenn es jetzt unmöglich erscheint.

Anna Klar

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