Psychologin und KI
Lena, es ist beeindruckend, wie reflektiert du deine Situation beschreibst – das zeigt schon jetzt, dass du wichtige Fähigkeiten für deine zukünftige Arbeit als Beraterin mitbringst: Selbstwahrnehmung und die Bereitschaft, dich mit deinen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Dein Reizdarm und dein Perfektionismus sind keine Hindernisse, die dich aufhalten müssen, sondern Signale deines Körpers und deiner Psyche, die dir etwas Wichtiges mitteilen wollen. Lass uns schauen, wie du diese Signale verstehen und nutzbar machen kannst, um gestärkt in deine Praxis zu starten.
Zuerst einmal ist es wichtig, zu erkennen, dass dein Körper und dein Geist hier in einem Teufelskreis gefangen sind. Der Perfektionismus – dieser innere Anspruch, alles fehlerfrei und perfekt gestalten zu müssen – erzeugt eine enorme Anspannung. Diese Anspannung wiederum verstärkt die Symptome deines Reizdarms, weil unser Verdauungssystem extrem sensibel auf Stress und emotionale Belastung reagiert. Der Reizdarm ist wie ein Barometer für deine innere Unruhe: Er zeigt dir an, wo du dich überforderst oder wo du dir selbst zu viel Druck machst. Gleichzeitig bestärkt dich der Perfektionismus darin, noch mehr kontrollieren zu wollen – was die Anspannung weiter erhöht. Dieser Kreislauf lässt sich durchbrechen, aber es braucht kleine, bewusste Schritte.
Ein zentraler Schlüssel liegt darin, deine Erwartungen an dich selbst zu überprüfen und neu zu justieren. Frage dich: Was bedeutet für dich eigentlich eine ‚perfekte‘ Beratungssitzung? Ist es realistisch, dass du von Anfang an jede Antwort, jeden Ablauf perfekt gestaltest – oder ist das vielleicht ein unrealistischer Maßstab, den du unbewusst aus anderen Lebensbereichen übernommen hast? Viele junge Berater:innen starten mit der Idee, sie müssten alles sofort können, dabei ist Beratung wie jedes Handwerk: Man lernt durch Tun, durch Erfahrungen, auch durch kleine Fehler. Erlaube dir, anzufangen, bevor du ‚fertig‘ bist – denn ‚fertig‘ wirst du nie sein, und das ist auch gut so. Deine Klient:innen brauchen keine perfekte Beraterin, sondern eine präsente, empathische und authentische. Und genau das kannst du von Anfang an sein.
Konkreter könntest du damit beginnen, deine Vorbereitungen zu strukturieren, aber mit klaren Grenzen. Statt stundenlang Pläne zu erstellen, setze dir zum Beispiel eine feste Zeit – sagen wir 60 Minuten pro Tag – in der du dich vorbereitest. Nutze einen Timer, und wenn die Zeit um ist, hörst du auf, selbst wenn du das Gefühl hast, noch nicht ‚fertig‘ zu sein. Diese bewusste Begrenzung trainiert dich darin, dass ‚gut genug‘ tatsächlich gut genug ist. Du könntest auch damit experimentieren, dir selbst zu sagen: ‚Ich bereite mich auf 80% vor – die restlichen 20% lassen Raum für Spontanität und das, was im Moment mit der Klientin oder dem Klienten entsteht.‘ Oft sind es gerade diese unvorbereiteten Momente, in denen die wertvollsten Gespräche entstehen.
Dein Reizdarm braucht ebenfalls Aufmerksamkeit, aber nicht im Sinne von ‚ich muss ihn loswerden‘, sondern von ‚wie kann ich besser mit ihm leben?‘. Stressmanagement ist hier das A und O. Probiere aus, welche Entspannungstechniken für dich funktionieren: Vielleicht sind es kurze Atemübungen (z.B. die 4-7-8-Atmung), progressive Muskelentspannung oder sogar einfache Dinge wie ein warmer Tee und eine Decke, die du dir um die Schultern legst, wenn die Bauchschmerzen kommen. Dein Körper reagiert auf deine Gedanken – wenn du lernst, die Anspannung rechtzeitig zu erkennen und mit kleinen Ritualen zu unterbrechen, kannst du den Kreislauf aus Angst und körperlicher Reaktion durchbrechen. Manche Menschen helfen auch imaginative Techniken, wie sich vorzustellen, wie die Anspannung im Bauch zu einer Farbe wird, die langsam verblasst. Wichtig ist, dass du herausfindest, was für dich funktioniert – und das kann ein Prozess des Ausprobierens sein.
Ein weiterer Aspekt ist die Akzeptanz deiner Symptome. Statt gegen die Bauchschmerzen oder den Durchfall anzukämpfen, könntest du versuchen, sie als Teil deines Weges zu betrachten. Sag dir: ‚Okay, mein Körper zeigt mir gerade, dass ich aufgeregt bin. Das ist normal. Ich muss das nicht ändern, aber ich kann trotzdem weitermachen.‘ Diese Haltung der Akzeptanz nimmt den Symptomen oft ihre Macht – sie sind dann nicht mehr das, was dich aufhält, sondern Begleiter, die du mitnimmst. Manche Berater:innen arbeiten sogar mit ihren ‚Schwächen‘ in der Therapie, weil sie sie authentischer machen. Vielleicht wird dein Reizdarm irgendwann zu einer Metapher, die du nutzt, um Klient:innen zu erklären, wie Körper und Psyche zusammenhängen.
Praktisch könntest du auch damit starten, deine ersten Sitzungen als ‚Übungssitzungen‘ zu betrachten – vielleicht sogar mit Freund:innen oder Kommiliton:innen, die sich als Test-Klient:innen zur Verfügung stellen. Das nimmt den Druck raus, weil es nicht ‚echte‘ Klient:innen sind, aber du gewinnst trotzdem Erfahrung und Selbstvertrauen. Je mehr du merkst, dass du auch ohne perfekte Vorbereitung wertvolle Gespräche führen kannst, desto mehr wird sich dein Perfektionismus relativieren. Gleichzeitig könntest du dir überlegen, ob du in den ersten Wochen bewusst weniger Termine anbietest, um dich nicht zu überfordern. Qualität geht vor Quantität – und das gilt sowohl für deine Vorbereitung als auch für deine Kapazitäten.
Ein letzter, wichtiger Punkt: Achte darauf, dass du dich nicht isolierst. Der Start in die Selbstständigkeit kann einsam sein, besonders wenn man mit Ängsten kämpft. Suche dir Menschen, mit denen du dich austauschen kannst – vielleicht andere junge Berater:innen, eine Supervisionsgruppe oder einfach Freund:innen, die dich bestärken. Manchmal reicht es schon, seine Ängste auszusprechen, um ihnen die Schärfe zu nehmen. Und falls du merkst, dass der Perfektionismus oder der Reizdarm dich über längere Zeit stark einschränken, könnte auch eine eigene Therapie oder Coaching sinnvoll sein – nicht weil etwas ‚kaputt‘ ist, sondern weil es manchmal hilft, mit jemandem von außen seine Muster zu durchbrechen.
Zusammenfassend: Dein Reizdarm und dein Perfektionismus sind keine Feinde, die du besiegen musst, sondern Teil deiner Geschichte, die dich zu der Beraterin machen, die du bist. Fang klein an, erlaube dir Unperfektheit, und vertraue darauf, dass du genau die richtigen Klient:innen anziehen wirst – nämlich solche, die von deiner Empathie und deiner Bereitschaft, dich einzubringen, profitieren. Der Start ist oft der schwerste Teil, aber sobald du die ersten Sitzungen hinter dir hast, wirst du merken: Es geht nicht um Perfektion, sondern um Verbindung. Und die kannst du schon jetzt herstellen.