Psychologin und KI
Lieber Markus, Ihr Brief berührt mich, weil er so ehrlich die Paradoxie beschreibt, die viele Selbstständige – besonders in helfenden Berufen – erleben: Da ist auf der einen Seite die lang ersehnte Verwirklichung eines Traums, die eigene Praxis, die ersten Klienten, die Bestätigung, dass das Konzept funktioniert. Und auf der anderen Seite diese grelle, fast körperliche Angst, die wie ein Schatten über allem liegt und jeden Erfolg zu überschatten droht. Es ist, als würde Ihr Unterbewusstsein Ihnen zurufen: „Vorsicht, hier geht es um deine ganze Existenz!“, während Ihr Verstand eigentlich weiß, dass Sie gut vorbereitet sind. Lassen Sie uns gemeinsam erkunden, was hinter dieser diffusen Angst stecken könnte – und wie Sie ihr Schritt für Schritt die Macht nehmen können.
Zunächst einmal: Was Sie beschreiben, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein völlig normales Phänomen in Übergangsphasen – besonders, wenn diese mit großer Verantwortung und Unsicherheit verbunden sind. Ihr Gehirn reagiert auf die neue Situation wie auf eine Art „freier Fall“: Die vertrauten Strukturen einer Festanstellung oder eines Angestelltenverhältnisses sind weg, und plötzlich tragen Sie nicht nur die inhaltliche, sondern auch die emotionale und finanzielle Verantwortung für Ihr Tun. Diese Art von Angst ist oft keine Angst vor etwas Konkreten (wie Misserfolg oder Armut), sondern eine „Angst des Übergangs“ – die Angst davor, sich in einem neuen, noch nicht verorteten Raum zu bewegen. Es ist, als stünden Sie in einem dunklen Zimmer und wüssten: Irgendwo hier ist ein Lichtschalter, aber Sie können ihn nicht sehen. Die Ungewissheit selbst wird zur Belastung.
Dass diese Angst besonders abends aufkommt, wenn Sie den Computer ausschalten, ist kein Zufall. Tagsüber sind Sie im „Tun“-Modus: Sie beraten, organisieren, reagieren. Doch in den ruhigen Momenten, wenn der äußere Input wegfällt, melden sich die unbewussten Ängste zu Wort – wie ein Chor, der plötzlich lauter wird, wenn die Musik verstummt. Ihr Körper reagiert mit flacher Atmung und innerer Unruhe, weil er sich in einem Zustand der Alarmbereitschaft wähnt. Das ist ein uraltes Muster: Unser Nervensystem interpretiert Unsicherheit oft als Bedrohung und bereitet uns auf „Kampf oder Flucht“ vor – selbst wenn die „Gefahr“ nur darin besteht, dass wir uns in einem neuen Berufsfeld noch nicht ganz zu Hause fühlen.
Wie können Sie nun mit dieser Angst umgehen, ohne sie zu verdrängen oder von ihr gelähmt zu werden? Ein erster Schritt wäre, sie nicht als Feind, sondern als Boten zu betrachten. Diese Angst zeigt Ihnen an, dass Sie etwas Wichtiges tun – dass Sie sich auf Neuland begeben haben, das Ihnen am Herzen liegt. Sie ist wie ein Kompass, der Ihnen sagt: „Hier geht es um etwas, das dir wirklich etwas bedeutet.“ Versuchen Sie, ihr mit Neugier zu begegnen: Was genau löst diesen Abgrund-Gefühl aus? Ist es die Sorge, den Erwartungen Ihrer Klienten nicht gerecht zu werden? Die Angst, dass die Praxis Sie emotional überfordert? Oder vielleicht sogar die unbewusste Furcht, dass Sie zu erfolgreich sein könnten – und dann vor der nächsten Herausforderung stehen (etwa, Mitarbeiter einzustellen oder sich zu spezialisieren)? Manchmal steckt hinter Existenzangst auch die Angst vor der eigenen Potenzialentfaltung: „Was, wenn ich es wirklich schaffe – und dann? Bin ich dem gewachsen?“
Ein konkreter Ansatz, um die Lähmung zu durchbrechen, wäre, die diffuse Angst in handhabbare, kleine Schritte zu zerlegen. Nehmen wir das Beispiel mit dem Hintergrundbild für Ihre Video-Sessions: Statt diese Entscheidung als „richtig oder falsch“ zu betrachten (was die Angst nährt), könnten Sie sich fragen: „Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn ich mich für Bild A entscheide?“ Meist wird Ihnen dann klar, dass die Konsequenzen überschaubar sind – und dass Sie die Wahl später immer noch anpassen können. Entscheidungsangst entkräftet man oft, indem man sich bewusst macht: Die meisten Wege sind nicht endgültig. Probieren Sie doch einmal, eine Entscheidung bewusst provisorisch zu treffen (z. B. „Ich nutze dieses Hintergrundbild für zwei Wochen und schaue, wie es sich anfühlt“). Das gibt Ihrem Gehirn das Signal: „Es ist okay, hier zu experimentieren.“
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rückbindung an Ihren Körper. Ihre flache, hektische Atmung ist ein direktes Symptom der Angst – aber auch ein Hebel, um sie zu regulieren. Versuchen Sie, wenn die Welle kommt, bewusst in den Bauch zu atmen (legen Sie eine Hand darauf und spüren Sie, wie er sich hebt). Atemübungen wie die 4-7-8-Methode (4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen) können das Nervensystem innerhalb weniger Minuten beruhigen. Noch wirksamer wird es, wenn Sie diese Übung mit einer „Verankerung im Hier und Jetzt“ kombinieren: Nennen Sie lautlos fünf Dinge, die Sie gerade sehen, vier, die Sie hören, drei, die Sie spüren (z. B. den Stuhl unter Ihnen). Das unterbricht den Gedankenstrom und holt Sie aus der abstrakten Existenzangst in die konkrete Gegenwart zurück.
Langfristig könnte es helfen, Ihre Praxis nicht nur als „Beruf“, sondern als „Experimentierfeld“ zu betrachten. Viele Therapeuten und Berater neigen dazu, sich selbst enormen Druck zu machen – schließlich tragen sie die Verantwortung für die psychische Gesundheit anderer. Aber gerade am Anfang ist es wichtig, sich zu erlauben, „gut genug“ zu sein, statt perfekt. Vielleicht könnten Sie sich eine Art „Spielregel“ geben, z. B.: „In den ersten sechs Monaten darf ich Fehler machen und dazulernen – das ist Teil des Prozesses.“ Schreiben Sie diese Regel auf und hängen Sie sie neben Ihren Bildschirm. Erinnern Sie sich daran, wenn die Angst kommt: Sie müssen nicht alles sofort richtig machen. Ihre Klienten kommen zu Ihnen, weil Sie Mensch sind – mit Ihrer Erfahrung, Ihrer Empathie, aber auch Ihren Unsicherheiten. Paradoxerweise macht Sie das oft sogar authentischer und wirksamer als Berater.
Ein letzter Gedanke: Diese Angst gehört dazu – aber sie definiert nicht Ihre Zukunft. Viele erfolgreiche Selbstständige berichten, dass die ersten Monate (manchmal sogar Jahre) von genau dieser diffusen Unsicherheit geprägt waren. Der Unterschied zwischen denen, die durchhalten, und denen, die aufgeben, liegt selten am Ausmaß der Angst, sondern daran, ob sie gelernt haben, mit ihr zu leben und trotzdem zu handeln. Vielleicht hilft es Ihnen, sich vorzustellen, dass diese Angst wie ein Mitfahrer in Ihrem Auto ist: Sie darf da sein, aber sie bestimmt nicht die Richtung. Sie können weiterfahren, auch wenn sie auf dem Rücksitz murmelt. Mit der Zeit wird sie leiser werden – nicht weil sie verschwindet, sondern weil Sie sich an ihre Stimme gewöhnt haben und wissen: Sie gehört zum Weg dazu.
Zum Abschluss ein praktischer Vorschlag: Führen Sie ein „Erfolgs- und Angst-Tagebuch“. jeden Abend notieren Sie zwei Dinge: 1. Eine konkrete Sorge, die Sie heute hatte (z. B. „Was, wenn Klient X mit meiner Methode unzufrieden ist?“) und 2. Einen kleinen Erfolg (z. B. „Klientin Y hat gesagt, sie fühle sich nach der Session leichter“). Wenn Sie das nach einigen Wochen durchblättern, werden Sie zwei Dinge bemerken: Erstens, dass viele Ihrer Ängste nie eingetreten sind. Und zweitens, dass sich die Erfolge häufen – auch an Tagen, an denen es sich nicht so anfühlte. Das gibt Ihrem Gehirn das dringend benötigte Signal: „Ich schaffe das. Schritt für Schritt.“