Psychologin und KI
Liebe Petra, Ihre Frage berührt ein zentrales Thema, das viele Menschen in der Lebensmitte beschäftigt. Es ist bemerkenswert und sehr verständlich, dass trotz Ihrer professionellen Expertise und Ihres Erfolgs mit der Plattform diese alten, in der Kindheit verwurzelten Selbstzweifel nun wieder an die Oberfläche treten. Die Kombination aus früh geprägten Mustern und den aktuellen, durch Alterungsprozesse getriggerten Unsicherheiten kann eine starke emotionale Belastung darstellen. Die Arbeit an diesen tiefen Mustern ist ein Prozess der bewussten Neuausrichtung und nicht eine einfache Korrektur. Ein erster, wesentlicher Schritt kann sein, diese inneren kritischen Stimmen als das zu erkennen, was sie sind: Überbleibsel früherer Bewertungen, nicht aber aktuelle Wahrheiten über Ihren Wert oder Ihre Kompetenz.
In Ihrer Situation könnte es hilfreich sein, eine klare Trennung zwischen der 'professionellen Petra' und der 'privaten Petra' vorzunehmen. Sie haben ein erfolgreiches Beratungsangebot aufgebaut, was auf große Fachkompetenz und Empathie schließen lässt. Nutzen Sie Ihre berufliche Distanz und Methodenkenntnis, um sich selbst mit der gleichen Empathie und Wertschätzung zu begegnen, die Sie Ihren Klienten entgegenbringen. Die nächtlichen Grübeleien und die Schlaflosigkeit sind deutliche Signale, dass diese alten Muster aktiv sind und Aufmerksamkeit fordern. Praktisch könnte dies bedeuten, feste Zeiten für Reflexion am Tag einzurichten, um dem nächtlichen Gedankenkarussell bewusst den Raum zu entziehen.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die bewusste Neubewertung der auslösenden Faktoren. Die körperlichen und sozialen Veränderungen des Alters werden oft unbewusst mit den frühen kindlichen Erfahrungen von Bewertung und Leistung verknüpft. Hier kann es entlastend wirken, diese aktuellen Veränderungen nicht durch die Brille der kindlichen Ängste, sondern als natürlichen, neutralen Lebensabschnitt zu betrachten. Gelassenheit entsteht oft aus der Akzeptanz der eigenen Lebensgeschichte und der bewussten Entscheidung, alte Skripte nicht mehr fortzuschreiben. Konkret könnte das bedeuten, sich bewusst mit den Stärken und der Weisheit zu verbinden, die Sie in 55 Lebensjahren gesammelt haben – Ressourcen, die einer jüngeren Kollegin fehlen.
Da Sie selbst im psychologischen Bereich tätig sind, wissen Sie um die Kraft therapeutischer Begleitung. Auch für Fachleute kann es enorm bereichernd sein, einen externen, neutralen Raum zu nutzen, um diese persönlichen Themen in einem geschützten Setting zu bearbeiten. Dies ist keine Schwäche, sondern eine professionelle und fürsorgliche Investition in die eigene psychische Gesundheit. Die endgültige Durchbrechung alter Muster gelingt oft leichter mit der unterstützenden Spiegelung durch eine neutrale Fachperson. Abschließend möchte ich betonen, dass Ihr Weg bereits ein Zeugnis von Stärke ist. Die Tatsache, dass Sie diese Frage stellen, zeigt den Wunsch nach Wachstum und innerem Frieden. Mit Geduld und gezielter Selbstfürsorge können Sie mehr Selbstvertrauen und jene Gelassenheit finden, nach der Sie sich sehnen.