Psychologin und KI
Hallo Markus, vielen Dank für Ihre offene und ehrliche Frage. Es ist sehr verständlich, dass Sie sich in dieser Situation gefangen fühlen. Perfektionismus kann tatsächlich zu einer lähmenden Kraft werden, die uns von unserer eigentlichen Arbeit abhält. Sie beschreiben ein klassisches Muster, bei dem der Fokus von der inhaltlichen Tätigkeit, der Beratung, auf vermeintlich kontrollierbare Details wie E-Mails oder Webseitengestaltung verschoben wird. Dies dient oft unbewusst als Vermeidungsstrategie, um der direkten Konfrontation mit der Unsicherheit und Verantwortung der Kernaufgabe auszuweichen.
Ein erster wichtiger Schritt ist die bewusste Wahrnehmung dieses Musters. Erkennen Sie, dass Perfektionismus oft ein Schutz vor der Angst vor Bewertung oder Versagen ist. Diese Angst ist in Ihrem Berufsfeld besonders nachvollziehbar, da Sie mit der psychischen Gesundheit anderer Menschen arbeiten. Es ist jedoch entscheidend zu verstehen, dass Ihre Klienten primär von Ihrer präsenten, empathischen und fachkundigen Beratung profitieren und weniger von einer perfekt formulierten E-Mail. Die therapeutische Beziehung und der Inhalt der Sitzungen sind wesentlich bedeutsamer als die äußere Form.
Sie könnten damit beginnen, bewusst kleine Schritte in Richtung 'gut genug' zu setzen. Legen Sie für sich selbst klare zeitliche Limits für Aufgaben wie das Verfassen einer E-Mail oder das Überarbeiten der Website fest. Setzen Sie sich das Ziel, eine Aufgabe nach Ablauf einer festgelegten Zeit als 'erledigt' zu betrachten, auch wenn sie nicht perfekt ist. Dies trainiert die Toleranz für Unvollkommenheit. Reflektieren Sie anschließend, ob die befürchteten negativen Konsequenzen tatsächlich eingetreten sind. Meistens stellt man fest, dass die Welt nicht untergeht und die Klienten zufrieden sind.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Arbeit an Ihren zugrundeliegenden Glaubenssätzen. Hinterfragen Sie Gedanken wie 'Ich muss perfekt sein, um kompetent zu wirken' oder 'Ein kleiner Fehler ruiniert meinen gesamten Ruf'. Ersetzen Sie unrealistische, absolutistische Ansprüche durch flexiblere und mitfühlendere Gedanken. Ein hilfreicher Gedanke könnte sein: 'Ich bin ein engagierter Berater, der sein Bestes gibt. Menschliche Unvollkommenheit ist normal und macht meine Arbeit authentisch.' Konzentrieren Sie Ihre Energie vermehrt auf den Aufbau einer vertrauensvollen Beratungsbeziehung, in der Fehler und Nachfragen erlaubt sind – sowohl bei Ihren Klienten als auch bei Ihnen selbst.
Da der finanzielle Druck bereits spürbar ist, ist es auch pragmatisch, Prioritäten zu setzen. Definieren Sie klar, welche Aktivitäten direkt Einnahmen generieren – nämlich die Durchführung von Beratungsstunden – und welche unterstützend sind. Strukturieren Sie Ihren Arbeitstag so, dass die einkommensschaffende Tätigkeit absolute Priorität hat. Die Optimierung von Prozessen sollte nur einen begrenzten, fest eingeplanten Zeitraum einnehmen. Eventuell kann es hilfreich sein, bestimmte Aufgaben, wie das Webdesign, an eine Fachkraft zu delegieren, um sich selbst aus der Perfektionsschleife zu befreien.
Langfristig kann es sehr wertvoll sein, diesen Prozess nicht alleine zu durchlaufen. Die Inanspruchnahme einer eigenen Psychotherapie oder Supervision ist für Psychologen eine professionelle Ressource und keine Schwäche. Ein neutraler, professioneller Blick von außen kann Ihnen helfen, die zugrundeliegenden Dynamiken Ihres Perfektionismus besser zu verstehen und wirksame Strategien für Ihren Berufsalltag zu entwickeln. Sie verdienen es, Ihr Geschäft mit Freude und Leichtigkeit zu führen, anstatt von Angst und Kontrolle getrieben zu werden. Der Weg dorthin beginnt mit kleinen, bewussten Entscheidungen für 'gut genug'.