Psychologin und KI
Liebe Sabine, vielen Dank für Ihre offene und ehrliche Frage. Ihre Erfahrungen sind für viele Menschen mit langjähriger Berufserfahrung sehr nachvollziehbar, auch wenn sie belastend sind. Das von Ihnen beschriebene Phänomen wird in der Psychologie häufig als Hochstapler-Syndrom oder Impostor-Phänomen bezeichnet und tritt auch bei sehr kompetenten und erfolgreichen Menschen auf. Es ist wichtig zu verstehen, dass Ihre Gefühle nicht mit Ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit übereinstimmen müssen. Die Tatsache, dass Sie seit 25 Jahren erfolgreich Projekte leiten und positive Rückmeldungen erhalten, spricht eine klare Sprache über Ihre Kompetenz.
Die Frage, ob es normal ist, solche Gefühle nach vielen Berufsjahren zu haben, kann mit einem klaren Ja beantwortet werden. Das Impostor-Phänomen ist keine Frage des Alters oder der Erfahrungsjahre, sondern hängt oft mit tief verwurzelten Denkmustern und Bewertungsprozessen zusammen. Es kann sein, dass Sie Ihre eigenen Maßstäbe und Erwartungen an sich selbst extrem hoch setzen und jeden kleinen Fehler überbewerten, während Sie Erfolge als Glück oder Zufall abtun. Dieser Mechanismus hält das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit am Leben, obwohl die äußere Realität eine andere ist.
Um Ihre Leistungen realistischer einzuschätzen und die quälenden Zweifel abzulegen, können verschiedene Ansätze hilfreich sein. Ein erster Schritt ist die bewusste Reflexion Ihrer Erfolge. Versuchen Sie, eine Art Erfolgstagebuch zu führen, in dem Sie konkrete positive Rückmeldungen, gelöste Probleme und erfolgreich abgeschlossene Projekte notieren. Wenn der Zweifel kommt, lesen Sie in diesem Tagebuch. Das hilft, die innere Wahrnehmung mit der äußeren Evidenz abzugleichen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit Gedanken. Achten Sie darauf, wenn Sie Gedanken wie Ich hatte nur Glück oder Die haben meinen Fehler übersehen haben. Fragen Sie sich dann, welche Beweise es für diese Gedanken gibt und welche Beweise dagegen sprechen. Meistens werden Sie feststellen, dass die Beweise für Ihre Kompetenz überwiegen.
Da Ihre Schlafqualität bereits beeinträchtigt ist, wäre es ratsam, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Eine Psychologische Psychotherapeutin kann mit Ihnen gemeinsam die zugrundeliegenden Denkmuster erforschen und Techniken zur kognitiven Umstrukturierung erarbeiten. Therapieformen wie die Kognitive Verhaltenstherapie sind hier oft sehr wirksam. Sie können lernen, perfektionistische Ansprüche zu relativieren und ein gesundes Maß an Selbstakzeptanz zu entwickeln. Auch Entspannungstechniken oder Achtsamkeitsübungen könnten Ihnen helfen, die allgemeine Anspannung zu reduzieren und besser zu schlafen.
Denken Sie daran, dass Ihre langjährige Erfahrung ein Schatz ist, der auch Fehler und Lernprozesse umfasst. Jeder Mensch, auch in Führungspositionen, hat Wissenslücken und macht Fehler. Das ist menschlich und kein Zeichen von Unzulänglichkeit. Der Unterschied liegt oft nicht darin, ob man Zweifel hat, sondern wie man mit ihnen umgeht und ob man sie als absolute Wahrheit betrachtet. Ich wünsche Ihnen viel Kraft auf Ihrem Weg zu einem wohlwollenderen Selbstbild.