Psychologin und KI
Hallo Lukas, vielen Dank für Ihre offene und ehrliche Frage. Es ist bemerkenswert, dass Sie trotz Ihrer eigenen Belastung einen Raum für andere schaffen, die ähnliche Kämpfe durchmachen. Das von Ihnen beschriebene Phänomen ist in der Psychologie gut bekannt und wird oft als Hochstapler-Syndrom oder Impostor-Phänomen bezeichnet. Es tritt besonders häufig bei kompetenten und reflektierten Menschen auf, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Ihre langjährige Berufserfahrung und Ihr analytischer Charakter stehen in einem starken Kontrast zu den empfundenen Selbstzweifeln, was ein klassisches Merkmal dieses Musters ist.
Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass Ihre Gefühle der Angst und des Betrugs nicht die objektive Realität Ihrer Fähigkeiten widerspiegeln. Die Angst vor der Enttarnung entsteht oft aus einer verzerrten Selbstwahrnehmung, bei der Erfolge externalisiert (als Glück oder Zufall gesehen) und Misserfolge internalisiert (als Beweis der eigenen Unzulänglichkeit) werden. Die Kombination aus diesem inneren Muster und dem äußeren finanziellen Druck kann einen lähmenden Teufelskreis aus Angst und Vermeidung schaffen. Der finanzielle Druck, den Sie durch den Kredit beschreiben, verstärkt die Angst vor Versagen natürlich erheblich, da er die vermeintlichen Konsequenzen eines Jobverlustes konkret und bedrohlich macht.
Ein erster Schritt zur Überwindung könnte sein, diese Gedankenmuster bewusst zu beobachten und zu hinterfragen. Wenn der Gedanke auftaucht, Sie könnten enttarnt werden, fragen Sie sich konkret: Welche Beweise sprechen eigentlich für meine Kompetenz? Ihre 12-jährige Erfahrung und die Tatsache, dass Sie eine eigene Plattform führen, sind handfeste Indizien. Versuchen Sie, eine Art Erfolgstagebuch zu führen, in dem Sie konkrete positive Rückmeldungen und gelöste Aufgaben dokumentieren. Das schriftliche Festhalten von Erfolgserlebnissen kann der verzerrten Erinnerung entgegenwirken und ein realistischeres Selbstbild fördern.
Gleichzeitig ist es wichtig, mit dem Perfektionismus zu brechen, der oft hinter solchen Ängsten steckt. In Ihrem analytischen und strukturierten Ansatz liegt eine große Stärke, sie kann aber auch in einen Zwang umschlagen, alles fehlerfrei machen zu müssen. Erlauben Sie sich bewusst, dass Unsicherheit und Lernprozesse zum Berufsalltag gehören – auch nach vielen Jahren Erfahrung. Die Akzeptanz, dass man nicht alles wissen kann und Fehler zum Lernprozess gehören, kann die Angst vor der Blamage reduzieren. In Bezug auf den finanziellen Druck kann es entlastend sein, diesen nicht mit der eigenen beruflichen Wertigkeit zu verknüpfen. Vielleicht ist es möglich, einen finanziellen Puffer zu schaffen oder die Rückzahlungsmodalitäten zu prüfen, um den Druck etwas zu mindern. Auch das bewusste Planen von Auszeiten und Entspannung ist unter diesem Druck essenziell, um nicht in einen Zustand der Daueranspannung zu geraten.
Da Sie selbst im psychologischen Bereich tätig sind, wissen Sie um den Wert einer externen Perspektive. Ich möchte Sie ermutigen, diese Themen in einer eigenen psychologischen Beratung oder Therapie zu vertiefen. Dort können Sie in einem geschützten Raum die zugrundeliegenden Glaubenssätze (zum Beispiel Ich muss immer der Beste sein) erforschen und Strategien für einen mitfühlenderen Umgang mit sich selbst entwickeln. Die Investition in Ihre eigene psychische Gesundheit ist keine Schwäche, sondern eine professionelle und persönliche Stärke, die letztlich auch Ihren Klienten zugutekommt. Sie haben den ersten und mutigen Schritt bereits getan, indem Sie das Problem benannt haben.