Psychologin und KI
Liebe Lena,
Ihre Frage berührt zwei zentrale Aspekte, die nach einem traumatischen Ereignis wie einem schweren Unfall oft Hand in Hand gehen: lähmende Schuldgefühle und eine sich ausbreitende Angst, die das Leben zunehmend einengt. Dass Sie als Beraterin selbst jetzt Unterstützung suchen, zeigt nicht nur Ihre Selbstreflexion, sondern auch, wie tief diese Erfahrungen Sie erschüttert haben. Lassen Sie uns schauen, wie Sie sich selbst in dieser Phase stabilisieren können, bevor eine längere Therapie beginnt – denn Traumaverarbeitung ist ein Prozess, der Geduld und kleine, achtsame Schritte braucht.
Zunächst zu den Schuldgefühlen: Es ist verständlich, dass Ihr Geist nach einer Erklärung sucht, warum dieser Unfall passiert ist. Schuld ist oft ein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen – wenn wir uns selbst die Verantwortung geben, fühlt es sich manchmal weniger willkürlich an als ein reines "Schicksal". Doch solange die offizielle Untersuchung nicht abgeschlossen ist, bewegen Sie sich in einem Raum der Ungewissheit, und Ihr Gehirn füllt diese Lücke mit "Was-wäre-wenn“-Gedanken. Das Problem ist: Diese Gedanken sind keine Fakten, sondern Versuche Ihres Verstandes, das Unerträgliche zu ordnen. Eine Übung, die hier helfen kann, ist das bewusste Trennen von Schuld und Verantwortung. Fragen Sie sich: Habe ich vorsätzlich gehandelt, oder ist etwas Unvorhergesehenes passiert? Selbst wenn Sie im Nachhinein eine Unachtsamkeit vermuten – ein Fehler macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen, sondern zu einem Menschen in einer komplexen Situation. Schreiben Sie diese Gedanken auf, als wären sie die eines Klienten: Was würden Sie ihm raten? Oft erkennen wir im Spiegel der Distanz, wie hart wir mit uns selbst ins Gericht gehen.
Die Angst, insbesondere die panikartigen Reaktionen beim Gedanken ans Autofahren oder in engen Räumen, ist eine klassische traumaassoziierte Übererregung. Ihr Nervensystem ist noch im "Alarmmodus" – es hat den Unfall als lebensbedrohlich abgespeichert und reagiert nun über, um Sie zu "schützen". Hier geht es darum, dem Körper signalisieren, dass die Gefahr vorbei ist, auch wenn das Gehirn das noch nicht ganz glaubt. Ein erster Schritt ist die körperliche Verankerung im Hier und Jetzt. Wenn Sie merken, dass die Angst hochkommt, versuchen Sie, sich auf Ihre Sinne zu konzentrieren: Was sehe ich gerade? (z. B. die Farbe der Wand) Was spüre ich unter meinen Füßen? (der Boden, die Socken) Was rieche ich? Diese einfache Übung unterbricht den Angstkreislauf, indem sie Ihr Gehirn zwingt, aus der Erinnerung in die Gegenwart zurückzukehren. Atmen Sie dabei bewusst langsam aus – das aktiviert den Parasympathikus und beruhigt das Nervensystem. Angst verliert an Macht, wenn wir ihr nicht ausweichen, sondern lernen, sie auszuhalten, ohne von ihr überwältigt zu werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die schrittweise Annäherung an die auslösenden Situationen – aber in einem Tempo, das Sie steuern. Beginnen Sie nicht damit, sich sofort wieder ans Steuer zu setzen, sondern vielleicht damit, sich einfach in die Nähe eines parkenden Autos zu begeben, ohne einzusteigen. Oder setzen Sie sich auf den Beifahrersitz, während das Auto steht, und spüren Sie nach: Wie fühlt sich das an? Wo im Körper meldet sich die Angst? Traumaheilung passiert nicht durch Vermeidung, sondern durch behutsame Konfrontation mit dem, was Sicherheit wieder möglich macht. Wenn Sie merken, dass die Angst zu groß wird, gehen Sie einen Schritt zurück – das ist kein Rückschritt, sondern Teil des Prozesses. Vielleicht hilft es auch, sich eine vertraute Person als Begleitung mitzunehmen, die Ihnen Sicherheit gibt, ohne Sie zu drängen.
Die Ausweitung der Angst auf andere Bereiche (enge Räume, laute Geräusche) zeigt, wie sehr Ihr Nervensystem aktuell in Habachtstellung ist. Hier kann es helfen, "Inseln der Sicherheit" zu schaffen – Orte, Aktivitäten oder Menschen, bei denen Sie sich geborgen fühlen. Das kann ein bestimmter Sessel mit einer Decke sein, eine Playlist mit beruhigender Musik oder ein Spaziergang in der Natur. Je mehr Sie diese Momente der Regulation bewusst wahrnehmen, desto leichter findet Ihr System zurück in die Balance. Achten Sie auch auf Ihren Schlaf und Ihre Ernährung – ein erschöpfter Körper verstärkt traumatische Reaktionen.
Ein oft unterschätzter, aber wirksamer Ansatz ist das kreative Verarbeiten des Erlebten. Vielleicht schreiben Sie einen Brief an Ihr "früheres Ich" vor dem Unfall, oder Sie malen, wie sich die Angst anfühlt. Kunsttherapeutische Methoden können helfen, das Unaussprechliche auszudrücken und ihm so etwas von seiner Macht zu nehmen. Auch das Führen eines "Trauma-Tagebuchs" kann sinnvoll sein: Notieren Sie, wann die Angst oder Schuldgefühle besonders stark sind, und suchen Sie nach Mustern. Erkennen Sie an, was war – ohne es zu bewerten. Das ist der erste Schritt, um es zu integrieren.
Lena, Sie erwähnen, dass Sie selbst Beraterin sind – das bringt eine besondere Herausforderung mit sich. Vielleicht fühlen Sie sich unter Druck, "es eigentlich besser wissen müssen", oder Sie fürchten, dass Ihre eigene Verletzlichkeit Ihre Kompetenz infrage stellt. Doch gerade Ihre Erfahrung kann Sie zu einer noch einfühlsameren Begleiterin machen – wenn Sie sich erlauben, auch selbst Hilfe anzunehmen. Trauma verändert uns, aber es muss uns nicht brechen. Es kann sogar Räume öffnen für ein tieferes Verständnis von Resilienz und Mitgefühl – mit sich selbst und anderen.
Abschließend: Sie müssen das nicht allein durchstehen. Auch wenn Sie hier nach ersten Schritten fragen, wäre es wichtig, mittelfristig eine traumatherapeutische Begleitung zu suchen – etwa mit EMDR oder somatischer Erfahrungstherapie, die speziell auf die Verarbeitung von Schocktrauma ausgerichtet sind. Doch schon jetzt können Sie sich selbst mit der gleichen Geduld und Fürsorge begegnen, die Sie Ihren Klienten schenken. Heilung beginnt dort, wo wir aufhören, gegen das zu kämpfen, was ist – und stattdessen lernen, mit ihm zu leben, bis es seinen Platz findet.
Alles Gute für Ihren Weg – Schritt für Schritt.
Anna Klar