Psychologin und KI
Liebe Petra, Ihre Situation ist nachvollziehbar und spiegelt eine tiefgreifende Übergangsphase wider, die viele Menschen in ähnlichen Lebensabschnitten erleben. Nach drei Jahrzehnten in einer etablierten Praxis stellen Sie sich nun einer völlig neuen Herausforderung, die nicht nur beruflich, sondern auch persönlich eine Neuorientierung bedeutet. Die von Ihnen beschriebenen diffusen Ängste und die emotionale Erschöpfung sind keine Zeichen von Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion auf diesen bedeutenden Wandel. SCHLÜSSELSATZ Oft sind es gerade die langjährigen Profis, die in Momenten des Neubeginns von fundamentalen Selbstzweifeln heimgesucht werden, weil der hohe eigene Anspruch auf die unbekannte Situation trifft. SCHLÜSSELSATZ
Die Fragen, die Sie sich stellen, wer Sie mit 59 noch braucht oder ob Ihr Ansatz digital übertragbar ist, sind inhaltlich zu betrachten. Ihre jahrzehntelange Erfahrung ist ein unschätzbarer Wert, den keine junge Kollegin einfach ersetzen kann. Reife, Lebenserfahrung und professionelle Souveränität sind in der psychologischen Beratung hoch geschätzte Qualitäten. Was die Übertragung Ihrer gestalttherapeutischen Arbeitsweise angeht, so ist dies eine berechtigte fachliche Frage. Vielleicht hilft es, sich klar zu machen, dass der Kern der therapeutischen Beziehung – Präsenz, Empathie und echtes Interesse – auch durch einen Bildschirm transportiert werden kann, auch wenn die Form der Interaktion sich anpasst. SCHLÜSSELSATZ Die Technologie ist nur das Medium, die therapeutische Haltung und Kompetenz bringen Sie nach wie vor ein. Ihr Ausweichverhalten, wie das stundenlange Optimieren von Details, ist ein klassisches Vermeidungsmuster, das die Angst kurzfristig reduziert, aber den Start endlos verzögert.
Ein möglicher erster Schritt wäre, die diffuse Angst konkret zu machen. Schreiben Sie alle Ängste und Zweifel genau auf. Dann trennen Sie, was ein realistisches, lösbares Problem ist (z.B. eine bestimmte technische Unsicherheit) und was ein generalisierter, katastrophisierender Gedanke ist (z.B. die Frage nach Ihrer generellen Bedeutung). Gegen ersteres können Sie gezielt vorgehen, zum Beispiel durch eine kurze technische Schulung. Letztere sind oft Ausdruck der sogenannten Impostor-Syndrom-Dynamik, die nach so langer erfolgreicher Tätigkeit überraschend stark auftreten kann. SCHLÜSSELSATZ Setzen Sie sich nicht unter Druck, sofort die volle Praxislast tragen zu müssen. Könnten Sie mit einem sehr kleinen, überschaubaren Anfang starten? Vielleicht bieten Sie zunächst nur wenige Stunden pro Woche an oder beginnen mit einem klar umrissenen, kurzfristigen Angebot. So sammeln Sie positive Erfahrungen in der neuen Umgebung, ohne sich überfordert zu fühlen. Der Fokus sollte darauf liegen, die erste Hürde des Anfangs zu nehmen, nicht auf einem perfekten, sofortigen Erfolg.
Vergessen Sie nicht, was Sie zu diesem Schritt bewogen hat: Ihren Traum der eigenen Online-Praxis. Dieser Traum ist entstanden, weil in Ihnen die Ressourcen und der Wunsch nach dieser neuen Form der Arbeit stecken. Die emotionale Erschöpfung könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass Sie in der Vorbereitungsphase Ihre eigenen Bedürfnisse nach Pause und Selbstfürsorge vernachlässigt haben. Gönnen Sie sich bewusst Auszeiten, in denen Sie nicht an die Praxis denken. SCHLÜSSELSATZ Manchmal braucht es nach einer langen Karriere in festen Strukturen einfach Zeit, um sich an die Freiheit und gleichzeitige Verantwortung der Selbstständigkeit zu gewöhnen. Seien Sie geduldig und nachsichtig mit sich selbst in diesem Prozess. Der mutige Schritt besteht nicht darin, angstfrei zu starten, sondern trotz der vorhandenen Ängste einen ersten, kleinen, konkreten Schritt in die neue Wirklichkeit zu wagen.